Irgendwann sagt es dir jemand. Bei einem Kaffee, in einem Workshop, in einem von diesen gut gemeinten Ratschlägen: «Du musst dich entscheiden. Such dir eine Sache und mach die richtig.» Und du nickst, weil es ja eh alle sagen. Du gehst nach Hause mit diesem Gefühl im Bauch, dass mit dir irgendwas nicht ganz stimmt, weil du eben so viele Interessen hast, dass eine einzige Sache sich anfühlt wie ein viel zu kleines Zimmer, oder.
Ich kenn das von innen, und zwar gut. Ich bin so ein Mensch mit den vielen Türen, schon als Kind. Vielseitig begabt, neugierig auf eh zu vieles, so ein kreativer Chaoskopf, der von einer Idee zur nächsten springt und überall ein bisschen brennt. Multipotentialite nennt man das heute. Spielekind nennen mich manche, und ehrlich, das trifft es ziemlich gut.
Hochbegabt, hiess es früher auch mal, aber das hab ich mir ehrlich gesagt nie so richtig geglaubt. Lange hatte ich für das alles halt nur ein Wort. Nicht gut genug.
Dazu kommt, dass ich hochsensibel bin. Ich nehme einfach mehr auf als andere, Reize, Stimmungen, das Zuviel im Aussen, und manchmal kostet mich ein voller Tag mehr Energie, als ich an dem Tag eigentlich habe. Ob da noch mehr mitspielt, ADHS, Autismus, die Worte standen über die Jahre immer mal im Raum, ärztlich bestätigt wurde aber nie etwas. Ich lebe halt in dieser Grauzone, knapp an einer Grenze vorbei, und ehrlich, das Etikett brauch ich gar nicht, um zu wissen, wie ich ticke.
Der Satz, der so lange in mir steckte
«Reiss dich zusammen und mach eine Sache richtig.» Diesen Satz hab ich jahrelang mit mir herumgetragen wie einen Stein in der Jackentasche. Ich hab versucht, mich kleiner zu machen, mich auf das eine zu reduzieren, das angeblich seriös ist. Und jedes Mal, wenn ich es versucht hab, ging das Licht aus. Die Arbeit wurde grau, ich wurde müde, und das Beste an mir, dieses Springen und Verbinden und Quer-durch-Denken, lag einfach brach. Schade eigentlich.
Ich bin damit nicht allein, und du bist es auch nicht
Ja. Das Schöne ist ja, wen ich heute um mich hab. In meiner Welt sitzen lauter Frauen, die ganz ähnlich ticken. Eine, die sechs Talente hat und sich für keines entscheiden konnte, bis sie fast daran zerbrochen wäre. Eine andere, hochsensibel, die nach jedem Netzwerk-Event zwei Tage zum Auftanken braucht und sich dafür schämt. Und wieder eine, die zwischen drei Themen springt und glaubt, sie sei einfach unzuverlässig. Dabei steckt da gar keine Unzuverlässigkeit, da steckt Fülle, randvoll mit Ideen und Wahrnehmung, und keine von ihnen hat je gelernt, dass das eine Stärke sein darf.
Du musst dich nicht kleiner machen
Das hab ich über die Jahre schon verstanden, und es hat mein Arbeiten ziemlich verändert. Deine Vielseitigkeit ist kein Defekt, den du wegtrainieren musst. Die eine Frage, die wirklich zählt, ist eigentlich eine ganz andere. Wie bringst du das, was du alles bist, so nach aussen, dass es für andere greifbar wird? Du musst dafür nicht weniger werden, du darfst einfach lernen, dich übersetzbar zu machen, so dass die Person gegenüber sofort versteht, was sie an dir hat.
Vielseitigkeit, die man verstehen kann
Konkret heisst das: such die Klammer, die deine vielen Themen zusammenhält, statt dich für ein einziges zu opfern. Bei mir ist die Klammer das Sehen. Ich erkenne bei Frauen die Muster, die sie selbst grad nicht sehen, egal ob es um ihr Angebot geht, um ihren Content oder um den Knoten im Kopf. Das verbindet alles, was ich mach. Und sobald du deine Klammer hast, darf darunter alles Platz haben, ohne dass es beliebig wirkt. So. Und an dieser Stelle hört das «nicht gut genug» dann auch langsam auf.
Dein Takeaway
Nimm dir heute fünf Minuten und schreib deine drei, vier, fünf Interessen oder Talente einfach untereinander auf einen Zettel. Dann such den einen roten Faden, der durch alle durchgeht, das Gefühl oder die Fähigkeit, die in jedem davon steckt. Das ist deine Klammer. Du musst dich nicht entscheiden, welches Talent du wegwirfst, du darfst entscheiden, was sie alle verbindet. Genau.
Füchsische Grüsse, Diana 🦊
Ist Multipotentialite nicht einfach eine Ausrede, sich nie festzulegen?
Nein. Es ist eine Art, durch die Welt zu gehen, mit vielen Interessen und Talenten gleichzeitig. Die Arbeit ist nicht, dich auf eines zu reduzieren, sondern die Klammer zu finden, die alles zusammenhält. Dann wirkt deine Vielfalt klar statt beliebig.
Ich bin hochsensibel und komme im Business schnell an meine Grenze. Geht das überhaupt?
Ja, mit einem Rhythmus, der dich trägt, statt dich zu überfahren. Du brauchst keine lautere Version von dir, du brauchst Wege, deine Energie zu schützen und trotzdem sichtbar zu sein. Wenn du gerade festgefahren bist, fangen wir genau da an.
Wie finde ich diese Klammer, von der du sprichst?
Meistens im Gespräch, weil du zu nah dran bist, um sie selbst zu sehen. Genau das ist mein Job: ich höre dir zu und zeige dir das Muster, das durch all deine Themen läuft. Im Erstgespräch machen wir den ersten Schritt.
Noch nicht bereit für ein Gespräch?
Dann bleib einfach montäglich dran. Eine Sache zum Mitnehmen pro Woche, kein Cheerleading.
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Definitiv Zustimmung und ich erkenne ein Muster in all meinen Interessen und Talenten. So unterschiedlich sie auch sind, es ist immer der gleiche Kern, der mich dazu antreibt oder begeistert.
Danke dir, Lisa. Ja, so kenn ich das auch. Ich hab lange geglaubt, ich müsste mich für eines meiner Themen entscheiden, bis ich gemerkt hab: der rote Faden liegt gar nicht im Thema, er liegt in dem, was mich antreibt. Schön, dass du diesen Kern in deinen Interessen schon erkennst. Von da an darf nämlich alles andere andocken. Magst du, ich kenn ja deine Klammer, hier aber auch für alle deine Klammer nennen? 🦊
Toller Artikel. Bei mir ist es ähnlich. Die Klammer bei mir ist Lösungsorientiert. Meine vielen Interessen und mein Ideensprudler-Gen, sind auch der Grund, warum ich in meinen Festanstellungen nicht klargekommen bin. Weil ich mich einfach eingeengt gefühlt habe. Deswegen liebe ich meine Selbstständigkeit jetzt um so mehr. 🙂
Danke dir, Peggy. „Lösungsorientiert“ als Klammer, das passt so gut zu dir, das hab ich in unserem Gespräch genauso erlebt. Und das Eingeengt-Fühlen in der Festanstellung kenn ich von so vielen Vielseitigen, das Ideensprudler-Gen braucht halt Platz. Schön, dass du hier bist. 🦊