Vierzehn offene Tabs im Kopf und nichts kommt ins Tun?
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Vor ein paar Tagen ist mir eine Anzeige in den Feed gespült worden. Schwarzer Hut, Neonlicht, und in grossen Buchstaben: dein Business ist nicht für dein ADHS-Gehirn gebaut. Ich hab den Satz zweimal gelesen und gedacht: Moment. Das ist ja mein Satz. Das predige ich doch seit Monaten, nur ohne die vier Buchstaben davor.
Und dann hab ich etwas gemacht, was ich lange vor mir hergeschoben hab. Ich hab den Gedanken zu Ende gedacht.
Ich habe keine ADHS-Diagnose. Ich habe eine Tendenz, eine Ahnung, die mich schon lange begleitet. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich in den klassischen Diagnostiken durchfallen würde, denn nach aussen habe ich mein Leben ja im Griff. Hatte ich scheinbar immer. Genau solche Frauen fallen durch die Raster: Die Diagnostik wurde lange an Buben entwickelt, die im Unterricht auffallen. Wer still ist, viel kompensiert und nach aussen liefert, gilt als unauffällig.
Also sage ich es so ehrlich, wie ich es weiss: Ich falle durch jede ADHS-Diagnostik, weil ich funktioniere. Ein System brauche ich trotzdem.
Denn von innen sieht mein Kopf halt anders aus als meine Ablage. Gefühlt vierzehn offene Tabs, immer. Drei angefangene Gedanken, während du mir einen vierten erzählst. Ideen, die sich anfühlen wie die wichtigste der Woche und die weg sind, wenn ich sie nicht sofort irgendwo hinlege. Hyperfokus, wenn mich etwas packt, und zäher Brei, wenn mich etwas langweilt. Ob das nun ADHS heisst, eine Tendenz ist oder einfach ein vielseitiger, kreativer Kopf, das überlasse ich den Fachleuten. Ich behandle hier nichts und ich diagnostiziere nichts, auch nicht bei mir selber.
Aber ich baue mein Business inzwischen genau um diesen Kopf herum. Und das hat alles verändert.
Disziplin war nie mein Problem
Das Gemeine an den üblichen Business-Ratschlägen ist ja: Sie setzen einen Kopf voraus, der jeden Tag gleich läuft. Morgenroutine, Zeitblöcke, einfach mal dranbleiben. Du kennst diese Listen ja auch, oder ne. Und wenn es nicht klappt, warst du nicht diszipliniert genug. Ich hab diese Schleife eigentlich jahrelang gedreht und mich jedes Mal ein Stück kleiner gefühlt.
Bis ich verstanden hab: Es fehlt mir nicht an Disziplin. Meine Energie ist einfach nicht konstant, und ein Business, das nur mit konstanter Energie funktioniert, ist für meinen Kopf eine Fehlkonstruktion. Ja. So einfach und so unbequem.
Seitdem stelle ich eine andere Frage. Nicht: Wie werde ich konsequenter? Sondern: Was muss stehen, damit es auch dann weiterläuft, wenn ich gerade nicht kann?
Was bei mir wirklich trägt
Drei Dinge, ganz konkret, alle schon fast peinlich unspektakulär:
Erstens: Jeder Posttag hat einen Ordner. Alles, was an dem Tag raus soll, liegt an einem Ort, mit einem Zettel obendrauf, in welcher Reihenfolge. Mein Kopf muss morgens nichts mehr rekonstruieren, er muss halt nur abarbeiten. Die zwanzig Minuten Anlauf, die mich früher jeden Morgen gekostet haben, gibt es nicht mehr.
Zweitens: Der Weitermach-Zettel. Drei Zeilen, bevor ich aufhöre: wo ich stehe, was als Nächstes dran ist, was ich dafür brauche. Klingt banal. Ja. Ist für einen Kopf mit vierzehn Tabs der Unterschied zwischen weitermachen und wieder von vorne anfangen.
Drittens: Ein Gedächtnis, das nicht in meinem Kopf wohnt. Mein Tagebuch, meine Notion-Datenbanken, mein KI-System, das mich kennt und meine halben Gedanken festhält, bevor sie verdampfen. Ich spreche eine Idee ein, und sie ist gelandet statt verloren. Wie das aufgebaut ist, habe ich hier beschrieben: mein KI-System mit Claude und Notion.
Und der Beweis, dass das trägt, kam ausgerechnet in der Woche, in der ich flach lag: Eine Woche krank, nichts gepostet, und nichts ist zusammengebrochen. Das System hat gehalten, was meine Disziplin nie halten konnte. So.
Vielleicht bist du auch so eine
Vielleicht hast du eine Diagnose. Vielleicht hast du wie ich nur eine Ahnung und bist durch jedes Raster gefallen, weil du zu gut funktionierst. Vielleicht bist du einfach vielseitig und kreativ und dein Kopf macht sein eigenes Wetter. Für das, was ich hier meine, braucht es keine vier Buchstaben und kein Etikett.
Es braucht nur diesen einen Perspektivwechsel: Hör auf, dich an einem Business abzuarbeiten, das für einen anderen Kopf gebaut wurde. Bau dir eins, das deinen aushält. Mit Orten, an denen deine Sachen auf dich warten. Mit Zetteln, die dich wieder abholen. Mit einem Gedächtnis, das nicht du sein musst.
Genau. Und wenn du gerade denkst, bei dir sei alles zu chaotisch für ein Dach: Dafür läuft im Moment meine Blogparade «Vielseitig selbständig: Wie passen deine vielen Themen unter ein Dach?». Schreib deine Geschichte auf, mit oder ohne Diagnose, mit oder ohne Blog-Routine. Ich hab eine Vermutung: Da draussen sind ziemlich viele Frauen mit vierzehn offenen Tabs, die einfach nur ein Business brauchen, das zu ihrem Kopf passt.
Ich bin eine davon. Deshalb schreibe ich das hier.
Häufige Fragen dazu
Kann ich selbständig arbeiten mit ADHS-Tendenz, auch ohne Diagnose?
Ja. Für Systeme, die deinen Kopf auffangen, brauchst du kein Etikett und keine vier Buchstaben. Du brauchst Orte, an denen deine Sachen auf dich warten, statt mehr Disziplin.
Warum funktionieren normale Planungs-Tools bei mir nicht?
Weil die meisten Werkzeuge für Köpfe gebaut sind, die linear denken. Ein Kopf mit vierzehn offenen Tabs braucht keine strengere To-do-Liste, er braucht einen Ort pro Sache und einen Zettel, der ihn wieder abholt.
Was ist ein Weitermach-Zettel?
Drei Zeilen, bevor du aufhörst: wo du stehst, was als Nächstes dran ist, was du dafür brauchst. Damit findet dein Kopf am nächsten Tag in Sekunden wieder rein, statt zwanzig Minuten Anlauf zu nehmen.
Womit fange ich an, wenn gerade alles chaotisch ist?
Mit einer einzigen Sache: Gib deinem wichtigsten Projekt einen Ort, an dem alles dazu liegt. Nicht aufräumen, nicht optimieren, nur ein Ort. Der Rest darf später kommen.


Liebe Diana,
herrlich erfrischend! Und herzlichen Dank für diesen Artikel. Als hättest du mich beschrieben, finde ich mich in in so vielen Punkten wieder. Ebenfalls keine ADHS Diagnose, wahrscheinlich eine Tendenz, gut angepasst, kreativ, wild und chaotisch, viele Dinge gleichzeitig machen wollen, eine Idee im Kopf und kaum drehe ich mich um, ist sie wieder weg.
Deine Beschreibung mit den Zetteln muss ich mich noch einmal anschauen, die Idee ist gut.
Ganz liebe Grüße, Birgit
Liebe Birgit, danke dir, und ja, dieser Moment, die Idee ist da, du drehst dich um, sie ist weg, der hat bei mir das ganze Umdenken ausgelöst. Schau dir von den Zetteln zuerst den Weitermach-Zettel an: drei Zeilen, bevor du aufhörst, wo du stehst, was als Nächstes dran ist, was du dafür brauchst. Klingt fast zu banal, fängt aber die Ideen auf, die sich sonst leise verabschieden. Und falls du Lust hast: Meine Blogparade «Vielseitig selbständig» läuft gerade, deine Geschichte, gut angepasst und trotzdem wild und chaotisch, wäre da sehr willkommen, mit oder ohne Diagnose. Füchsische Grüsse, Diana 🦊